Im Faktencheck: Die Falschbehauptungen der Flughafen-Fans

In der öffentlichen Debatte zum Bürgerentscheid am 6. Mai zur Zukunft des Flugplatzes Holtenau werden von den Flughafen-Befürwortern immer wieder sachlich falsche Argumente vorgetragen. Für das Bündnis „Wir machen Stadt“ sorgen Andreas Meyer, Lydia Rudow und Stefan Rudau in einem Faktencheck für eine Richtigstellung:

Wohnen und Arbeiten

Falsch: Ausspielen von Beschäftigung und Wohnen

Die Gewerkschaften sind zudem grundlegend der Auffassung, dass das gegenseitige Ausspielen – Beschäftigung und Infrastruktur gegen Wohnen – nicht zielführend ist“ (Quelle: Flugblatt DGB).

Richtig: Im Verbund mit dem benachbarten MFG5-Gelände kann ein 192 ha großer neuer Stadtteil entwickelt werden, der Wohnen und Arbeiten auf das Beste verbindet.

Alleine auf der Fläche des Flugplatzes (100 ha) können statt den bisherigen 7 ha ganze 40 ha Gewerbeflächen entwickelt werden. So können laut dem von der Stadt in Auftrag gegebene „Regionalwirtschaftliche Gutachten für das Flughafengelände Kiel-Holtenau“ 2.600 neue Arbeitsplätze entstehen. Auf 30 ha sollen zudem 1.800 Wohneinheiten für ca. 4.000 Menschen realisiert werden, ein Drittel davon als geförderter Wohnungsbau.

Es ist uns ein Rätsel, wie eine Gewerkschaft die Chance für 2.600 neue Arbeitsplätze einfach in den Wind schießen kann, zumal es kaum eine Perspektive für den sogenannten Airpark gibt“, so die VertreterInnen des Bündnisses.

Heute gibt es am Verkehrslandeplatz Holtenau noch 73 Arbeitsplätze, 2005 waren es noch 134. Diese Arbeitsplätze sind nicht alle flughafenaffin. Das Restaurant und der T-Shirt Veredler sind normale Betriebe, die auch nach einer Schließung des Verkehrslandeplatzes weiter existieren können. Nicht zu vergessen ist, dass auch mithelfende Familienangehörige und geringfügig Beschäftigte zu den 73 Beschäftigten gerechnet werden. Seit 2002 gab es keine Neuansiedlungen von flughafenaffinem Gewerbe.

Dauer der Erschließung

Falsch: Wohnen erst in 20 Jahren

Das Flughafen-Areal ist für eine kurzfristige Bebauung gar nicht geeignet. Mit Rückbau und Erschließung würde es 20 Jahre dauern, bis dort jemand wohnen kann“ (Quelle: https://www.proflughafen-kiel.de/).

Richtig: Erste EinwohnerInnen in 6 Jahren

Im regionalwirtschaftlichen Gutachten heißt es dazu auf S. 99.: „Das Planfeststellungs-verfahren zur Schließung des Flughafens kann weitestgehend parallel zur Erarbeitung des Bebauungsplanes durchgeführt werden.“ Weiter wird in dem Gutachten gerechnet, dass die ersten EinwohnerInnen im Jahr 2024 in dem neuen Stadtteil leben können (vgl. S. 101).

Die Stadt ist jetzt schon Eigentümerin von ca. 90% des Geländes. Somit kann Kiel bestimmen, wie und für wen gebaut wird und ist nicht abhängig von privaten Investoren – anders als bei einem Großteil der Flächen, die im Wohnbauflächenatlas ausgewiesen sind. Die Stadt kann auch die Vergabeverfahren bestimmen: Das beste Konzept und nicht der Meistbietende bekommt den Zuschlag. Mögliche Kosten für die Beseitigung von Altlasten im Boden fallen unabhängig von der Nutzung an. Nach Aussage des Umweltschutzamtes spricht dies nicht gegen eine Wohnbebauung.

Es gilt: Je später angefangen wird zu planen, desto später können Wohnungen gebaut werden. Deshalb haben wir das Bürgerbegehren initiiert, um jetzt zu einer Entscheidung zu kommen.

Wohnungsnot

Falsch: In Kiel und Region gibt es genug geeignete Flächen für Wohnungsbau

In Kiel und Region gibt es genug geeignete Flächen. Mehr als 9.000 Wohnungen können kurzfristig gebaut werden. “ (Quelle: https://www.proflughafen-kiel.de/).

Richtig: Schon jetzt fehlen 12000 Wohnungen

Ohne die Fläche in Holtenau werden wir den Bedarf an bezahlbaren Wohnraum in Kiel nicht decken können“, so Meyer, Rudow und Rudau.

Nach dem Wohnbauflächenatlas der Stadt Kiel gibt es auf 175 Flächen ein Gesamtpotenzial für 9400 Wohnungen. Damit könnte nicht einmal der bereits bestehende Fehlbestand von 12.000 Wohnungen rein rechnerisch abgedeckt werden.

Die Bodenpreise haben sich für diese Flächen in den vergangenen Jahren auf 300 €/m² verdoppelt. Nach Angaben des Kieler Mietervereins sind die Mietpreise seit 2014 um bis zu 18 Prozent gestiegen,

Nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft bildet Kiel zudem unter fünfzehn Universitätsstädten bei der Versorgung mit studentischem Wohnraum das Schlusslicht. Die Zahl der Wohnungslosen hat sich seit 2014 von 360 auf 635 fast verdoppelt.

Der Anteil der geförderten Wohnungen ist von 16% (2005) auf 7% (2015) gesunken. Bis Ende 2018 fallen zudem über 4000 weitere Wohnungen aus der Mietpreisbindung. Demgegenüber steht eine zu geringe Zahl neuer Sozialwohnungen: In 2015 wurden lediglich 102 geförderte Wohnungen neu gebaut, in 2016 nur 61.

Eine ausreichende Entlastung im Bereich des bezahlbaren Wohnens ist ohne die Fläche in Holtenau nicht zu erwarten”, so die VertreterInnen des Bündnisses abschließend.

Finanzierung

Falsch: Das Defizit nähert sich der Null-Linie

Das Defizit nähert sich der Null-Linie. Auch wirtschaftlich entwickelt sich der Verkehrslandeplatz gut. Es ist gelungen, das Millionen-Defizit auf rund 200.000 Euro pro Jahr zu drücken. Und wir streben an, dass der Flughafen sich schon bald selbst trägt. Landebahn und Technik sind in einem guten Zustand und werden auch in diesem gehalten“ (Quelle: Standpunkte der Ratsversammlung).

Richtig: Der Flugplatz kostet die Stadt Millionen

Die Stadt zahlte in der Vergangenheit für den Flugplatz jährlich rund eine halbe Million Euro Zuschüsse. Auch in Zukunft wird der Betrieb des Verkehrslandeplatzes dauerhaft subventioniert werden müssen. Die für 2018 angesetzten 200.000 € jährlich zeugen nicht vom wirtschaftlichen Erfolg des Flugplatzes, sondern sind eine kleingerechnete Zahl. Die Stadt verpachtet die Gebäude und Flächen für den symbolischen Preis von 1 € an den Seehafen. Durch Weitervermietung der Flächen und Gebäude entstehen Mieteinnahmen in Höhe von über 350.000 € – diese behält jedoch der Seehafen ein. Unter anderem werden Parkplätze für die Autos von Kreuzfahrttouristen vermietet. Dazu kommen fehlende Einnahmen auf Seiten der Stadt, die auf eine angemessene Grundstückspacht verzichtet. Das widerspricht den im § 90 der Gemeindeordnung festgehaltenen Grundsatz, dass bei der Verpachtung und dem Verkauf städtischer Grundstücke der volle wirtschaftliche Wert zugrunde zu legen ist. Dazu die entsprechende überschlägige Rechnung: 90 ha á 35 €/m² = 31,5 Mio € Verkehrswert (ohne Gebäude) aktuell, bei einer Pacht von 2% wären das 630.000 € – Geld, das der Stadt zur Zeit jährlich entgeht.

In der Debatte noch kaum berücksichtigt sind die in den nächsten Jahren anstehenden Sanierungskosten für die Landebahn, das Instrumentenlandesystem und die Flughafenbefeuerung in Höhe von mindestens 5,5 Miollionen Euro.

Die Stadt Kiel und damit die SteuerzahlerInnen zahlen für den Flugplatz durch den jährlichen Zuschuss und einen Verzicht auf eine angemessene Grundstückspacht einen doppelten Preis. Die Aussage, dass sich das Defizit der Null-Linie nähert, ist schlicht falsch“, so die Vertretungsberechtigten des Bürgerbegehrens.

Das von der Stadt in Auftrag gegebene „Regionalwirtschaftliche Gutachten für das Flughafengelände Kiel-Holtenau“ sieht im Übrigen auch im optimistischen Szenario keine Perspektive, den Zuschussbedarf auf Null zu senken. Im besten Fall läge den Prognosen zur Folge der durchschnittliche jährliche Zuschussbedarf im Zeitraum 2015-2045 bei 365.000 € pro Jahr (vgl. S. 86).

Organtransporte

Falsch: Es gibt für die Organtransporte keine Alternative zum Flugzeug

Wir haben in Kiel eines der größten Transplantationszentren. Hier werden auch Herzen und Lungen transplantiert, die noch schneller vom Spender zum Empfänger kommen müssen, als andere Organe. Für diese Fälle gibt es keine Alternativen zum Flugzeug“ (Quelle: https://www.proflughafen-kiel.de/).

Richtig: Transplantationsmedizin gibt es auch ohne den Flugplatz Holtenau

In Kiel werden Herz, Lunge, Niere, Leber und Pankreas (Bauchspeicheldrüse) und Dünndarm transplantiert, Kiel liegt hier in den letzten Jahren im bundesweiten Vergleich mit anderen Transplantationszentren im Mittelfeld für die meisten Organe. Natürlich hat Kiel für die wohnortnahe Transplantation von nördlichen Schleswig-Holsteinern trotzdem eine große lokale Bedeutung. Die Transportzeit spielt jedoch vor allem bei Herz und Lunge eine erhebliche Rolle, die anderen Organe sind hier deutlich weniger sensibel, sodass bei letzteren im Normalfall ein Überlandtransport erfolgt.

Betrachtet man alleine die Anzahl der Herztranspantationen, um die es in der Debatte vor allem geht, ist Kiel kein „bedeutendes Zentrum“, sondern steht laut DSO mit Rang 16 an vorletzter Stelle. 2017 wurden in Bad Oeynhausen 71 Herzen transplantiert, in Kiel 5.

Ein Aus für den Verkehrslandeplatz bedeutet keinesfalls das Ende für die Transplantationsmedizin im UKSH, auch nicht für Herz- und Lungentransplantationen!“ so das Bündnis. Die 70 Kilometer Luftlinie vom Flughafen Lübeck zum UKSH Kiel können mit einem Helikopter in etwa 20 Minuten zurückgelegt werden. „Ein Hubschrauber-Flug von Lübeck direkt zum UKSH dauert kaum länger als ein Transport mit einem Rettungswagen, der von Holtenau über die Hochbrücke zum Klinikum fahren muss.“

Nach einer Richtlinie der Bundesärztekammer sollen Organtransporte außerdem in der Regel über den Landweg erfolgen. Flugtransporte sind nur unter besonderen Vorraussetzungen möglich.

Der Flugplatz Kiel bietet keineswegs einen witterungs- und tageszeitunabhängigen Organtransport“, so Meyer, Rudow und Rudau. Wie in der Ausgabe der Kieler Nachrichten vom 24.03.2018 zu lesen war, konnte der Flugplatz in der Vergangenheit mehrfach keine kurzfristigen Organannahmen nachts, außerhalb der regulären Öffnungszeiten ermöglichen. Zudem fällt der Flugplatz auch aus, wenn sehr schlechtes Wetter herrscht, das die Sicht beschränkt. Denn Holtenau verfügt nur über ein einfaches Instrumentenlandesystem der Kategorie 1. Das heißt, dass bei schlechten Sichtbedingungen auch Holtenau nicht mehr erreichbar ist, während andere, besser ausgerüstete Flughäfen es noch sind (Lübeck: ILS der Kategorie 2; Hamburg: ILS der Kategorie 3).

Die langen Transportwege entstehen, weil es in Deutschland zu wenig Organspender gibt.
„Das Geld der Pro-Flughafen-Kampagne (alleine die Stadt hat auf Antrag von CDU und SPD dafür 50.000€ bereitgestellt) wäre besser investiert in eine Kampagne für mehr Organspender
Innen in Deutschland.“ Das Bündnis gibt daher seit Monaten an den Informationsständen Organspende-Ausweise aus, um auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Spitzensport

Falsch: Holstein Kiel und THW brauchen den Flugplatz

Unser Flughafen bringt den Spitzensport nach Kiel. Die Spieler von THW und Holstein Kiel nutzen den Flughafen, um bei engen Spielplänen flexibel zu reisen“ (Quelle: https://www.proflughafen-kiel.de/).

Richtig: Spitzensport fliegt meistens ab Hamburg

Tatsächlich nutzen sowohl Holstein Kiel als auch der THW in der Regel den Flughafen Hamburg, wenn sie zu Spielen fliegen. Das war auch der jüngsten Berichterstattung zu entnehmen. Die VertreterInnen des Bündnisses finden: „Wir müssen als SteuerzahlerInnen keinen Flugplatz vorhalten, nur damit alle paar Jahre eine Gast-Mannschaft per Charterflug anreisen kann.“

Grünflächen

Der Flughafen ist ein Biotop und bietet Lebensraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren (Quelle: https://www.proflughafen-kiel.de/).

Zu guter Letzt: Natürlich ist der Flughafen ein Biotop, wie auch der Randstreifen an einer vielbefahrenen Autobahn. Doch wenn wir immer mehr Flächen bebauen wollen, dann gilt es diejenigen für eine Bebauung auszusuchen, die für Mensch und Natur weniger Nutzen haben als andere. Aufgrund begrenzter Flächen rücken im Moment vor allem größere landschaftlich wertvolle Gebiete am Stadtrand ins Visier der Stadtplanung. Diese Gebiete dienen aber vielen Menschen als Erholungsraum mit wenig Lärm und guter Luft. Der Verkehrslandeplatz mit in weiten Teilen kurz gehaltener Rasenfläche hingegen ist nur wenig naturnah. Eine Bebauung des Flugplatzes ist daher ökologisch verträglicher als etwa die Bebauung der Fläche in Suchsdorf-West, die durch Auen und Knickstrukturen geprägt ist. Die Bebauung in Holtenau soll zudem unter ökologischen Gesichtspunkten erfolgen und es sollen 20 bis 30 ha Grünflächen entstehen.

Die vielfältigen Strukturen eines nachhaltigen Stadtteils schaffen mehr ökologische Nischen für Pflanzen und Tiere, als die karge Rasenfläche des Flugplatzes”, halten Meyer, Rudow und Rudau fest.

2 thoughts on “Im Faktencheck: Die Falschbehauptungen der Flughafen-Fans

  • Ich wollte nur kurz loswerden, dass ich eure Arbeit sehr schätze. Vielen Dank, dass es Leute wie euch gibt, die differenziert mit einem Thema umgehen. Es ist sehr schade zusehen zu müssen, wie in der Öffentlichkeit mit dem Thema umgegangen wird.

    Ich hoffe euer Einsatz wird belohnt.
    Weitermachen!

  • Vielen Dank für diese aufschlussreiche Zusammenfassung. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kieler mit Verstand wählen und erkennen, dass dieser Flughafen keine Zukunft hat.

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